Romeo und Julia in Neukölln 

Fassung v. 19.05.2004

 

1. Szene

 

Robert und Hülya eng umschlungen

Hülyas Freundin   ist in einem Versteck

 

Robert :                      Und Ihr findet das nicht langweilig, so eine Familienfeier ohne was zum Saufen? Ist ja Wahnsinn. Ich find das echt geil, was Du von Deiner Familie erzählst. Die möchte ich gern mal kennen lernen. Weißt Du was?, ich bring Dich nach Hause und sag´ mal Hi.

 

Hülya:                         Das ist nicht so einfach.

 

Robert:                       Aber wir kennen uns schon ... zwei Tage! 48 Stunden!  Ich könnte einen Strauß Blumen für Deine Mutter kaufen.

 

Hülya:                         Lass uns lieber zum See gehen, da sind nicht so viele Leute.

 

die beiden ab, die Freundin kommt aus dem Versteck

 

Monika:                      „Da sind nicht so viele Leute!“  Die hat bloß Angst, dass irgendein Macho aus ihrer Verwandschaft sie erwischt. 

 

drei Freunde von Robert treten auf

 

Stefan:                       Hi, hast Du Robert gesehen?

 

Monika:                      Hab ich.

 

Daniel:                       Ja, und?

 

Monika:                      Ihr kommt nicht drauf, mit wem der Händchen hält

 

Daniel:                       Mit Britney Spears?

 

die Freundin machts spannend, sie schüttelt jedesmal den Kopf

 

Michael:                     Mit J.Lo ?

 

Stefan:                       Sag bloß mit dem Papst?!?

 

Monika:                      Mit Hülya Capris

 

Stefan:                       Kenn ich nich

 

Daniel:                       Eh, du bist bescheuert! Kannste nich lesen: Da drüben leuchtets fett am Imbiss: Capris Döner

 

Stefan:                       Robert hatn Dönerladen in der Familie.  Kann er uns ja einladen, ist doch cool.

 

Monika:                      Robert ist kein Türke.

 

Stefan:                       Weiß ich doch. Ich auch nicht, trotzdem ess ich Döner.

 

Michael:                     Der kapiert das nicht.

 

Monika:                      Du kannst ihre Döner essen, aber nicht ihre Töchter vernaschen.

 

Stefan:                       Wie jetzt?

 

Daniel:                       Robert plus Hülya ist gleich Selbstmord.

 

Michael:                     Jetzt verstanden?

 

Stefan:                       Und was machen wir dagegen?

 

Monika:                      Ihr müsst ihn ablenken bevor die Familie was merkt. Robert muss jemand anders kennenlernen. Am Samstag ist ne Beach Party am Tegler See. Mein Bruder macht am Einlass mit. Ich geh auch hin.

 

Stefan:                       Also wenn Robert zur Beach Party geht, nimmt er da nicht Hülya mit?

 

alle lachen ihn aus

 

Monika:                      Hülya darf zu sowas nicht. Niemals werden die Eltern das erlauben. Da kannst Du Gift drauf nehmen.

 

Daniel:                       O la la. Kann es sein, dass unsere Freundin hier sich ein bisschen für Robert interessiert?

 

Monika:                      Quatsch. Hülya ist meine Freundin. Ich mach das nur für sie. Mensch eh, wenn das ihre Leute mitkriegen, mit wem sie abhängt, dann schicken die sie nach Anatolien und sie muss einen alten, fetten, schmierigen, stinkenden Geflügelzüchter heiraten.

 

Daniel:                       Voll krass Alter und wenn sie nicht will?

 

Monika:                      Die Frauen werden da gar nicht gefragt.

 

Stefan:                       Türke müsste man sein, echt eh.

 

Daniel:                       Und fünf mal am Tag beten und immer die ganze Verwandschaft am Hals, na herzlichen Glückwunsch.

 

Monika:                      Also was ist jetzt mit der Beach party?

 

Michael:                     Und Dein Bruder lässt uns umsonst rein?

 

Monika:                      Ganz umsonst nicht. Eure Eintrittskarte heißt Robert.

 

Daniel:                       Los, wir müssen Robert finden!

 

Monika:                      Probierts mal am See!

 

die Freunde ab,

die Freundin triumphiert stumm, dann ab

 

Musikakzent Klavier

 

 

2. Szene

 

am See, oder in einer passenden Idylle , Robert und Hülya küssen sich, Roberts Freunde schleichen sich an und machen Vogelstimmen nach

 

Robert:                       Was ist?

 

Hülya:                         Hast Du das nicht gehört? Es klingt wie Wildschweine.

 

Robert:                       Wir könnten zu mir gehen. Meine Eltern sind voll OK. Kann bloß sein, dass sie Dich erstmal zwei Stunden voll labern. Sie sind Lehrer, die wollen immer über alles „reden“.

 

Hülya:                         Du hast wohl schon viele Freundinnen mit nach Hause genommen?

 

Robert:                       Äh... nein. Noch nie.  Du wärst die 1.

 

die Freunde Robert kommen aus ihrem Versteck

 

Daniel:                       Hi Robert, schick ma die Braut weg, wir müssen mit Dir reden.

 

Robert:                       Hi, was macht Ihr denn hier? (zu Hülya) Das sind meine Freunde Stefan, Daniel und Michael

 

Hülya:                         Hi. Ich bin Hülya.

 

Daniel:                       Geh ma paar Blümchen pflücken, Mädel, wir müssen was bereden.

 

Hülya:                         Ich freue mich auch, Dich kennen zu lernen. Wie heißt Du nochmal? Trampel?

 

Daniel:                       Was?

 

Michael:                     Sie ist cool.

 

Robert:                       Hülya ist meine Freundin. Also laber uns hier nicht voll, sonst Schläge.

 

Stefan:                       Uh! Wie steigt das wilde Blut ihm in die Mädchenwangen!  Äh, pardon, das war ich nicht. Das war Shakespeare.

 

Robert:                       Also was wollt Ihr?

 

Daniel und Michael:  Wir wollen Beach Party!

 

Stefan:                       Ich steh ja mehr auf Klassik.

 

Daniel:                       Am Wochenende ist Beach Party am Tegler See und Du kommst mit! Kostenlos natürlich! Na, was sagst Du?

 

Robert:                       Klingt gut. Was meinst Du?

 

Hülya:                         Naja, ich würde schon gern, aber ich muss erst zu Hause fragen.

 

Daniel:                       Äh, das ist äh ein Missverständnis ....

 

Michael:                     Wir haben nur eine Karte.

 

Stefan:                       Eine zuwenig, meint er.

 

Robert:                       Dann gehen wir ins Kino. Ich hab sowieso keinen Bock auf laute Musik.

 

Stefan:                       Ja, den Verliebten klingen Harfen.

 

Hülya:                         Liest Du Shakespeare?

Stefan:                       Ja, Leistungskurs Literatur. Ich muss bis Montag ein Sonett schreiben.
Ich schwöre, Fräulein, bei dem heilgen Mond,
Der silbern dieser Bäume Wipfel säumt -

Hülya:                         O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren,
Der immerfort in seiner Scheibe wechselt,
Damit nicht wandelbar dein Lieben sei!

Stefan:                       Wobei denn soll ich schwören?

Robert:                       Gar nicht! Halt die Klappe!

Michael:                     (flüstert zu Daniel) Ohne Robert geht es nicht.

 

Daniel:                       (flüstert zurück) Die darf sowieso nicht. Und wenn doch, dann muss Stefan eben zu Hause bleiben und sein nettes Dingsda schreiben. Wir stimmen ab. Wer ist dafür?
(laut) Vorschlag angenommen. Ok., Ihr könnt beide mit zur Beach Party.

 

Robert:                       Ok, wenn das geklärt ist, könnt Ihr uns dann wieder allein lassen?

 

Hülya:                         Nein, lass nur, ich muss nach Hause. Ich rufe Dich heute abend nochmal an, ok?

 

Robert mit seinen Freunden ab

 

 

3. Szene

 

 

Hülya schaut Robert verliebt nach.

 

Hülya:                         Drei Worte, Romeo, dann gute Nacht!
Wenn deine Liebe tugendsam gesinnt
Vermählung wünscht, so laß mich morgen wissen
Durch jemand, den ich zu dir senden will...
         

 

Monika:                      Hülya, endlich!

 

Hülya:                         O Wunderwerk: ich fühle mich getrieben,
Den ärgsten Feind aufs zärtlichste zu lieben.

 

Monika:                      Mensch, Dein Vater droht Dir schon mit Hieben!

Er sucht Dich überall!

 

Hülya:                         Geht das schon wieder los, Hülya, Dein Platz ist zu Hause bei Deiner Mutter! Hülya, Du sollst Dich nicht allein am See rumtreiben. Wenn das so weiter geht, platzt mit noch der Kragen und dann gute Nacht. Dann schicken sie mich zu Oma in die Türkei.

 

Monika:                      Gute Idee. Ich meine, ich hab eine gute Idee: Hier, probier mal die Pillen, dann hört sich alles, was Deine Alten zu sagen haben, wie eine Benachrichtigung über nen Lottogewinn.

 

Hülya:                         Ich nehme keine Drogen.

 

Monika:                      Das sind doch keine Drogen, Hülya, wofür hältst Du mich! Ich bin erschüttert!

 

Hülya:                         War nicht so gemeint.

 

Monika:                      Die Pillen sorgen nur dafür, dass Dir alles ein bisschen egal ist. Also, wieviele willst Du? So wie Dein Alter immer nölt, empfehle ich die Wochenendpackung. Nur 20 Euro. Na gut, 19, weil Du meine beste Freundin bist!

 

Hülya:                         Nein, lass mal. Ich geh lieber nach Hause jetzt. Machs gut!

 

Monika umarmt Hülya und steckt ihr dabei die Schachtel mit den Pillen in die Tasche.

 

 

4. Szene   (deutsche Übersetzung im Anhang)

 

Vater:           Söyle bakalim, nerdeydin?

 

Hülya:           Monika`la ders yaptik.

 

Mutter:          Haber veremesmidin.

 

Hülya:           Ben 16 yasindayim, ancak eve gelmeyince aranir.

 

Vater:           Simarma! Okuldaki Ögretmenlerinen öyle konusursn beni ilgilendirmes, ama annene saygi göstereceksin!

 

Hülya:           Baba ya, öyle kötü bakma, padisahya bensiyorsun.

 

Vater:           Merak etik kizim:

 

Mutter:          Nereye gitmek istersen gidebilirsin, ama haber ver!

 

Hülya:           Ozaman yarin Beach Partye de gidebilirmiyim?

 

Vater und Mutter schauen sich bedeutsam an. Mutter ist erschrocken

 

Hülya:           Ne oldu size?

 

Vater:           Sen bir Robert taniyormusun?

 

Hülya:           Ara di mi?

 

Vater:           Bi de o eksik ti. Cantani ver.

 

Hülya:           Ne oldu, neyiniz var? Delirdinis mi?

 

Während Hülya schimpft, leert ihr Vater ihr die Taschen aus, findet aber nichts.

 

Mutter:          Yapma Babasi, Birseysi yok. Hülya birisi aradi ve bir alman pic sana              uyusturucu satdini ve (dich abhängig machen will) söyledi. Bir kac gün evde kalirsan iyi olur.

 

Vater:           Roberti birdaha görmiceksin.

 

Hülya:           Nasil? Olmaz. Ölürüm daha iyi.

 

Mutter:          Tamam Babasi. Yarin konusurus

 

Vater:                         Hayir kararim kesin. 16 yasindaki kizimi bir icki icen ve uyusturucu satan alman la birkmiyacam. Bütün haftasonu evde kalicaksan, ancak pazarertesi okula gidebilirsin!

 

ein Sprecher bzw. eine Sprecherin tritt auf

 

Sprecher/in:               Moment, Moment, das haben nicht alle verstanden.

 

Die Schauspieler der 4.Szene kommen zurück auf die Bühne

 

Sprecher/in:               Manche hier sprechen nur Deutsch. Spielt die Szene bitte nochmal!

 

Die Schauspieler nehmen die Anfangsposition ein und spielen die Szene nochmal wie in der 4. Szene, vielleicht sogar mit den Mundbewegungen wie oben, aber ganz  „ohne Ton“

 

Sprecher/in:               Mutter hat sich Sorgen gemacht weil Hülya nicht angerufen hat. Hülya findet das doof, sie ist schließlich 16 und kein kleines Kind mehr, aber der Vater schimpft, sie soll nicht frech werden.

 

Hülya sitzt auf den Tisch und bittet den Vater


Hülya umschmeichelt ihren Vater weil sie morgen zur Beach Party will, aber der Vater fragt zurück, ob Sie einen gewissen Robert kennt und will ihre Tasche haben.

 

Der Vater nimmt ihr die Tasche weg und räumt sie aus. Mutter hält ihn auf und beruhigt ihn.

 

                                    Mutter erklärt, dass eine anonyme Anruferin behauptet hat,  ein deutscher Drogenhändler namens Robert wolle Hülya verführen und abhängig machen. Der Vater verbietet ihr den Kontakt mit diesem Robert,  sie darf nicht zur Beach Party und kriegt für das ganze Wochenende Hausarrest und Hülya ist natürlich….

 

Hülya schreit verzweifelt auf und rennt von der Bühne.

Sprecher und alle anderen ab

 

 

5. Szene

 

Hülya weint in ihrem Bett. Ein Steinchen fliegt ans Fenster.

Sie öffnet, draußen steht Robert.

 

Robert:                       Ich hab es nicht ausgehalten. Bis morgen ist noch so lange hin, ich habs ausgerechnet: 72000 Sekunden! Das schaffe ich nicht!

 

Hülya:                         Nein, komm nicht rauf. Vater bringt Dich um, wenn er Dich findet!

 

Robert:                       Und wenn schon! Hauptsache, ich bin bei Dir!

 

Hülya:                         Aber mir bricht das Herz wenn er Dir weh tut! 

 

Robert:                        Gut, dann bleibe ich hier unten vor Deinem Fenster!

 

Hülya:                         Und holst Dir eine Erkältung, nein, komm rauf! Warte, ich mach schnell das Licht aus, damit uns niemand sieht.

 

Licht aus. Im Dunkel.

 

Robert:                       Du riechst so gut.

 

Hülya:                         Ich glaube, ich habe mich verliebt.

 

Robert:                       Wir haben ziemlich viel gemeinsam – ich nämlich auch.

 

Hülya:                         Es ist wie bei Romeo und Julia.

 

Robert:                       Erzähl mal.

 

Hülya:                         Die beiden haben sich geliebt, aber Julia sollte einen anderen heiraten. Die Familien haben sich gehasst.

 

Robert:                       Aber unsere Familien kennen sich gar nicht.

 

Hülya:                         Das ist ja das Schlimme, dass es eigentlich gar keinen Grund gibt. Nur Vorurteile.

 

Robert:                       Meine Eltern haben keine Vorurteile. Sie sind für Toleranz und Gleichberechtigung. Niemand soll Mädchen ein Kopftuch vorschreiben oder die eigene Tochter an einen reichen Bauern in der Türkei verkaufen. Niemand soll unschuldige Zivilisten in die Luft sprengen oder überall Kümmel dranmachen.

 

Hülya:                         Wen meinen Deine supertoleranten Eltern damit?

 

Robert:                       Womit?

 

Hülya:                         Naja, mit „niemand“, der diese ganzen schrecklichen Dinge tut. Meine Eltern vielleicht?

 

Robert:                       Oh! Nein! Doch!
Ich verstehe, was Du meinst.
Wie ist es bei Romeo und Julia ausgegangen?

 

Hülya:                         Beide tot. An ihrem Grab haben sich die Familien dann die Hand gereicht.

 

Robert:                       Zu spät also. Warum werden die Menschen nicht klüger?

 

Hülya:                         Ich hab da eine Idee, aber es muss geheim bleiben. Komm mal unter meine Bettdecke, Romeo!

 

Robert:                       Aber gern, Julia!

 

 

6. Szene

 

Robert und Hülya liegen nebeneinander im Bett und schlafen.

 

Es klopft. Robert schreckt hoch und springt aus dem Bett. Hülya wird davon wach.

 

Hülya:                         Willst Du schon gehen?, wie spät ist es?

 

Robert:                       Sieben durch.

 

Hülya:                         Nein, warte, die Uhr steht noch auf Sommerzeit, in Wirklichkeit ists erst kurz nach Sechs, bleib noch bei mir, Lieber!

 

Robert:                       Es ist Sommerzeit, ich muss so schnell wie möglich weg, mein kleiner Liebling.

 

Hülya:                         Die Uhr zeigt türkische Sommerzeit.

 

Robert:                       Was ist, wenn Dein Vater rein kommt.

 

Hülya:                         Das würde er nie tun ohne anzuklopfen.

 

Robert:                       Er hat angeklopft.

 

Die Tür fliegt auf, Vater und Mutter stehen da, der Vater mit einem Küchenmesser in der Hand.

 

 

Vater:                         Ich bring Dich um, ich bring Dich um!

 

Mutter:                        Sei vorsichtig!

 

Robert:                       ´tschuldigung, das ist ein Missverständnis, ich bin kein, also Julia und ich...

 

Mutter:                        Welche Julia?

 

Vater:                         Schämst Du Dich jetzt schon für Deinen anständigen türkischen Namen? Na wartet!

 

Er geht mit dem Messer auf Robert los, der haut ihm ein Kissen um die Ohren und nimmt ihm das Messer weg!

 

Mutter:                        Hilfe! Hilfe! Bitte tun Sie ihm nichts, ich flehe Sie an!

 

Hülya hilft ihrem Vater auf, währenddessen verschwindet Robert aus dem Fenster.

 

Vater:                         Die Schande! Diese Schande! In aller Öffentlichkeit!

 

Mutter:                        Es ist das Beste ist, wenn Du der Einladung Deines Großonkels folgst.

 

Hülya:                         Ihr wollt mich an einen Schuster verschachern.

 

Vater:                         Dein Cousin hat eine sehr gut gehende Schuhwerkstatt, er ist fleißig und solide.

 

Mutter:                        Du musst ihn nicht heiraten, wenn er Dir gefällt, nimmst Du ihn, wenn nicht...

 

Hülya:                         Ich kann hier nicht weg!

 

Vater:                         Keine Widerworte! Sie wird ihn kennenlernen und basta! 

 

Hülya:                         Versteht Ihr denn nicht, ich liebe Robert!

 

Hülya vergräbt ihr Gesicht in den Kissen und heult. Mutter zieht Vater aus dem Zimmer. Kaum sind die Eltern raus, hört Hülya auf, zu markieren und klettert schnell aus dem Fenster.

 

 

7. Szene

 

Robert wartet auf Hülya und schaut, ob sie kommt. Daniel, Michael und Monika wollen ihn abholen.

 

Daniel:                       Alles klar? Kommst Du?

 

Monika:                      (weil Robert gar nicht reagiert) Hallo, ich bins!

 

Michael:                     Macht hinne!Der Bus fährt gleich! 

 

Robert:                       Wir müssen auf Hülya warten, sie weiß doch gar nicht, wo das ist.

 

Monika:                      Ich dachte, sie hat Stubenarrest.

 

Michael:                     Das verstehe ich jetzt nicht.

 

Daniel:                       He, ist das nicht Stefan, was macht der denn hier?  

 

Stefan:                       Ich dachte, ich schau mal ob Hülya zu Hause ist und wir können zusammen ein bisschen Gedichte lesen.

 

Alle, außer Robert, halten sich die Seiten vor Lachen.

 

Michael:                     Beeilung, der Bus wartet nicht.

 

Monika:                      Wisst Ihr was? Fahrt Ihr schon vor, mein Bruder weiß Bescheid. Ich warte hier auf Hülya.

 

Robert:                       Danke, echt gut von Dir.

 

Stefan will stehen bleiben, aber Robert zieht ihn mit.

 

 

8. Szene

 

Kaum sind die Jungs weg, kommt Hülya angehetzt.

 

Monika:                      Bleib ganz ruhig. Noch keiner da.

 

Hülya:                         Aber...

 

Monika:                      Ach, Kerle. Verlässt Du Dich auf die, bist Du verlassen. Zigi?

 

Hülya:                         Ja, kann ich jetzt gebrauchen. Mensch eh, Stubenarrest bis Montag.

 

Monika:                      Oh, bist wohl abgehauen? Dafür bist Du ganz schön ruhig. Hast wohl eine eingeworfen?

 

Hülya:                         Eine? Eine reicht nicht bei dem Stress, ich hab gleich alle genommen.

 

Monika:                      Quatsch nicht! Oder? Wann denn?

 

Hülya:                         Grad eben. Hallo? Bist Du noch da? Ich kann Dich gar nicht mehr sehen.

 

Hülya torkelt auffällig.

 

Monika:                      Scheiße, Scheiße.... eh, verdammt, ist Dir wenigstens schlecht? Kannst Du kotzen?

 

Hülya:                         (mit versagender Stimme) Meine Eltern und alle sind mir ganz egal! Wer singt? Bist Du Elvis?

 

Hektisch sucht Monika ihr Handy raus und wählt eine Nummer.

 

Monika:                      Hallo, Herr Capris? Robert hat Ihre Tochter mit Drogen voll gepumpt. Es geht ihr schlecht. Sie müssen schnell kommen, ganz schnell! Mein Name tut nichts zur Sache.

 

Sie legt auf.

 

Monika:                      Oh Gott, nein, lass sie nicht gleich sterben, bitte, bloß ein bisschen gelähmt oder entstellt, das würde völlig reichen.

 

 

Monika versteckt sich, gerade noch, bevor Robert auftaucht.

 

Robert:                       Hülya, was ist mit Dir?!

 

Hülya röchelt herzzerreißend.

 

Robert:                       Nein, bitte stirb nicht! Ohne Dich kann ich nicht leben. Hülya! Hülya!

 

Robert hört ihren Herzschlag, prüft ihre Atmung.

 

Robert:                       Sie atmet nicht mehr! Ihr Herz schlägt nicht!

 

Daniel, Michael ujnd Stefan kommen angerannt. Schluchzen aus dem Versteck von Monika.

 

Michael:                     Bist Du blöd, was rennst du plötzlich weg wo der Bus gerade kam?!

 

Daniel:                       Was ist mit ihr?

 

Robert:                       Tot!

 

Stefan:                       Was für ein Unglück ist so früh schon wach,
Das Uns aus Unsrer Morgenruhe stört?

 

Michael:                     Quatsch, wir sind doch nicht im Theater!? Lass mich mal!

 

Robert:                       Finger weg! Ihr denkt doch alle nur an Euch selbst! Hülya ist tot und ohne sie will ich nicht mehr leben.

 

Er holt das Küchenmesser aus seiner Jacke.

 

Stefan:                       Oh willkommener Dolch! Dies werde Deine Scheide! Aber Moment mal, ist es nicht Julia, die sich mit dem Dolch umbringt und Romeo mit Gift? Na, egal, es ist jedenfalls soooo tragisch!

 

Robert rammt sich das Messer unter die Schulter und fällt um. Monika kommt schreiend aus ihrem Versteck, in diesem Moment kommen auch Vater und Mutter Capris angerannt.

 

Vater:                         Wo ist Hülya?

 

Muttter hat ihre Tochter schon entdeckt und schreit...

 

Alle sind still und fassungslos.

 

Michael:                     Ich versteh das alles überhaupt nicht.

 

Monika:                      (schreit die Eltern an) Ihr verdammten, blöden Fanatiker! Wegen Euch hat sich Romeo umgebracht!

 

Vater:                         Das ist die Stimme der anonymen Anruferin! Was ist das für eine verkommene Welt? Lügen, Drogen, Verführung, Sex!

 

Daniel:                       Robert hat nie Drogen genommen!

 

Mutter:                        Wir sind schuld! Hört auf zu streiten!

 

Vater:                         Was redest Du, Mutter? Ich rufe meine Brüder an, es wird ein Blutbad geben bis unsere Tochter gerächt ist. (zu Roberts Freunden) Ihr seid die ersten!

 

Monika haut kreischend ab

 

Monika:                      Polizei! Polizei!

 

Mutter:                        Wir selbst haben Hülya umgebracht. Du und ich! Hör endlich auf, Dich zu belügen! Wir wollten Hülya zwingen, aber die Welt dreht und verändert sich und wir hätten sie unterstützen müssen, ihren eigenen Weg zu finden.

Stefan kniet neben Julia und legt seine Hand auf ihre Wange und streichelt sie.

Stefan:                       Nur düstern Frieden bringt uns dieser Morgen;
Die Sonne scheint, verhüllt vor Weh, zu weilen.

Hülya haut Stefan auf die Finger.

Stefan:                       Autsch! (begreift) O arme Opfer unsrer Zwistigkeiten!

Vater:                         Ich wollte doch immer nur das Beste!

Stefan:                       Vielleicht, daß dieser Bund zu großem Glück sich wendet
Und eurer Häuser Groll durch ihn in Freundschaft endet.

Michael:                     Hör endlich auf mit dem Scheiß, es ist jetzt wirklich nicht der Moment, um Theater zu spielen.

Vater:                         Lasst ihn, ich verstehe, was er meint. Wenn ich könnte, würde ich alles anders machen. Verzeih mir, Mutter!

Mutter:                        Ich trage nicht weniger Schuld als Du. Was hat nur unsere Herzen so verhärtet?

Vater:                         Weißt Du noch, damals, vor 16 Jahren?

Sie fallen sich in die Arme und brechen in Tränen aus. Hülya und Robert stehen auf.

Hülya:                         Was war denn vor 16 Jahren?

Vater.                         Deine Mutter sollte ihren  Cousin heiraten, aber sie wurde von mir schwanger und deshalb sind wir nach Berlin gefloh... Hülya! Du lebst!

Mutter:                        Hülya! Robert! Meine Kinder!

Vater:                         Wie kannst Du uns nur so erschrecken, was hast Du Dir dabei gedacht?!

Hülya:                         Das waren wir nicht, das hat sich Shakespeare ausgedacht!

Sie zeigt das Textbuch von Romeo und Julia vor.

Vater:                         Unverschämtheit! Na warte!

die Sirene des Polizeiautos nähert sich

Robert:                       Lass uns abhauen!  

Mutter:                        Bleib hier! Hast Du immer noch nicht genug?

Robert und Hülya rennen fort. Bremsenkreischen. Es scheppert und explodiert, dann ist Stille. Schließlich kommt Monika auf die Bühne, sie hält das Textbuch hoch, von dem Blut tropft.

Stefan:                       Denn nie verdarben Liebende noch so
Wie diese: Julia und ihr Romeo.

 

Anhang, deutsche Übersetzung der 4.Szene

Vater:                           Raus mit der Sprache, wo warst Du?

Hülya:                          Ich habe mit Monika Hausaufgaben gemacht.

Mutter:                         Kannst Du nicht anrufen?

Hülya:                          Ich bin 16, da ruft man höchstens an, wenn man nachts nicht nach Hause kommt.

Vater:                           Werd nicht frech! Es ist mir egal, wenn Du in der Schule so mit den Lehrern redest, aber Deiner Mutter erweist Du Respekt!

Hülya:                          Ach Papi, schau nicht so finster, Du siehst aus wie ein Pascha.

Vater:                           Wir haben uns Sorgen gemacht, Kind!

Mutter:                         Du kannst gehen, wohin Du willst, aber bitte sag uns Bescheid!

Hülya:                          Dann darf ich morgen zur Beach Party?

(Vater und Mutter schauen sich bedeutsam an. Mutter ist erschrocken. )

Hülya:                          Was habt ihr?

Vater:                           Kennst Du einen gewissen Robert?

Hülya:                          Hat er angerufen?

Vater:                           Das fehlte noch. Gib mir Deine Tasche!

Hülya:                          Was ist denn los, was habt Ihr denn? Seid ihr verrückt geworden?

(Während Hülya schimpft, leert ihr Vater die Taschen aus, findet aber nichts.)

Mutter:                         Hör auf, Vater, sie hat nichts. Hülya, jemand hat angerufen und uns informiert, dass ein deutscher Drogenhändler Dich verführt hätte und abhängig machen will. Es ist besser, wenn Du ein paar Tage das Haus nicht verlässt.

Vater:                           Du wirst diesen Robert nie wieder sehen!

Hülya:                          Wie? Aber das geht nicht! Lieber sterbe ich!

 

Mutter:                         Vater, lass gut sein. Wir können morgen darüber reden.

Vater:                           Nein, mein Entschluss steht fest.  Ich werde meine 16-jährige Tochter nicht einem alkoholtrinkenden und mit Drogen handelnden Deutschen ausliefern.  Hausarrest für das ganze Wochenende, erst am Montag zur Schule darf sie ihr Zimmer verlassen!