Ich wollte nie aufs Land

Als Selbständiger sitze ich oft genug allein am Schreibtisch und muss wenigstens in den Pausen unter Leute. Kinos, Theater, Bibliotheken und manchmal kluge Gespräche. Auf dem Land gibt es stattdessen nur Mücken, weite Wege, Arbeitslosigkeit und Trunksucht. So sprach ich zu Herrn S. als der wieder einmal von einem Häuschen in der Pampa schwärmte. Er nickte verständnisvoll, aber ich sah, wie es hinter seinen Augen arbeitete.

der Autor in seiner natürlichen Umgebung (Foto: C.Rohr)

2009.

Eines Tages lag ein Buch auf dem Couchtisch. John Seymour schrieb darin:

„Wenn ich einen Morgen gut drainierten Boden hätte, so würde ich eine Kuh, eine Ziege, ein paar Schweine und ein Dutzend Hühner halten.“… „Die Hälfte des Landes wird Grasland, der andere halbe Morgen urbar gemacht.“

Dazu eine Zeichnung mit Bienenstöcken und Obstbaumwiese. Am Haus gibt es einen Werkzeugschuppen, Frühbeete, den Kuhstall und ein Gewächshaus. Im Garten wachsen Sonnenblumen, Kräuter, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Rhabarber, Futterrüben, rote Rüben, Kartoffeln, Saubohnen, grüne Bohnen, Steckrüben… und so weiter und so weiter. Alles, was der Mensch braucht. Der englische Morgen misst 63 × 63 m. Großartig, staunte ich, ein Kosmos auf einem Fußballfeld. Bier brauen, Brot backen, Sauerkraut selber machen, Saft mosten, Wein keltern, Wurst räuchern – alles ganz einfach versicherte John Seymour.

John Seymour – das große Buch vom Leben auf dem Lande

Ich erklärte Herrn S. Punkt für Punkt, warum das trotzdem unvernünftig und unökologisch war: Wozu Selbstversorger werden, wenn wir doch Berufe hatten und Landwirten ihre Produkte für uns herstellten? Wozu ein Haus auf dem Land kaufen, wenn wir doch gern in der Stadt wohnten? Wozu sich binden, wenn wir doch viel lieber heute hier, morgen dort in der Welt herumreisten? Er nickte und seufzte.

Dann kam eine Zeitschrift ins Haus, völlig kostenlos, wie mir Herr S. versicherte: der jeweils neueste „Wenn ich einen Morgen gut drainierten Boden hätte, so würde ich eine Kuh, eine Ziege, ein paar Schweine und ein Dutzend Hühner halten.“… „Die Hälfte des Landes wird Grasland, der andere halbe Morgen urbar gemacht.“ aus dem Hause Treuhand: Immobilien im Osten zum Schnäppchenpreis. „Tudorschloss für eine D-Mark!“, leider abgebrannt und mit Denkmalschutz, „Gutshaus für Liebhaber“ mit 60 Hektar Wald, eine Halbinsel in der Uckermark, mit bombastischem Schloss drauf, bezugsfertig mit 200 Zimmern. Ich blieb standhaft, doch die Augen von Herrn S. blickten traurig.

Ok, dachte ich, ein Hund ist vielleicht das kleinere Übel …

Herr S. rief sofort Wikipedia und das Stichwort Hunderassen auf. „Welche Rasse würde denn, also ganz theoretisch, dir gefallen?“ Ich hätte aufstehen und die Zimmerpflanzen gießen können, dann wäre unsere Zukunft anders verlaufen. Stattdessen fuhren wir ein paar Wochen später nach Thüringen und holten ein 10 Wochen altes Hundemädchen. Auf der Rückfahrt berieten wir über den Namen: irgendwas Altmodisches sollte es sein, aber Meta oder Maria hießen heutzutage auch die Kinder. Schließlich einigten wir uns auf „Frieda“.

Kaum angekommen in Berlin, übten wir „Frieda komm!“, und natürlich schauten einige Kinder auf dem nahen Spielplatz sofort, wer nach ihnen gerufen hatte.

Frieda mit zwei Monaten

Mein Leben geriet aus der Bahn. Mit einem Welpen kommst Du im Prenzlauer Berg keine fünf Meter weit ohne Aufregung. Ich lernte alle Nachbarn kennen, die Hunde hatten. Ein Viszla, ungarischer Vorstehhund, Junge oder Mädchen? klar anfassen ist ok, Rettungswagen mit Sirene, Straßenbahn, Radfahrer, Kacketütchen immer dabei, logisch.

Im März 2009 erzählten mir Freunde von Bekannten, die eine Vertretung für ihren Hof in Mecklenburg suchten. Der Schauspieler und Regisseur Franz musste für ein Vierteljahr nach Süddeutschland, um ein Sommertheater zu inszenieren. Herr S. riet mir dringend zu, schon des Hundes wegen, und ich, der eigentlich ohne Großstadt nicht konnte, sagte zu, des Hundes wegen….

Wahlstorf lag von Berlin aus gesehen hinter einem ehemaligen, damals noch munitionsverseuchten und mit Stacheldraht abgesperrten sowjetischen Atomflugplatz, man musste drumherum fahren und brauchte gefühlt so lange wie ein Raumschiff auf die Rückseite des Mondes.

Alles war anders „draußen“: Ein riesiger Himmel wölbte sich über flaches Land, in der Ferne drehten sich winzige Windräder. Die Uhren tickten langsamer, die Häuser waren niedriger, die Leute gelassener und auf angenehme Weise verwahrlost.

Bald stand ich in geliehenen Stiefeln auf mecklenburgischer Gartenerde und zupfte Unkraut zwischen den Sprösslingen in einem Basilikumbeet. Die Erde duftete, sie war sandig und erwärmte sich schnell in der Mittagssonne. In der Nähe weideten sieben Kameruner Schafe und ein Bock. Das Blöken des am Morgen geborenen Lammes klang wie eine menschliche Babystimme. Seine Hufe glänzten schwarz wie Lackschuhe.

Mein Mobiltelefon klingelte. Ich sah die Nummer des Redakteurs, mit dem ich in den letzten Monaten zahlreiche unerquickliche Diskussionen über ein Feature, in dem es um eine Abhöraktion des Berliner Verfassungsschutzes gegen Freunde von mir ging, geführt hatte. Ich reagierte jedesmal sauer auf seine Angst, hinter der ich Gehorsam und Feigheit vermutete. Ich zögerte einen Moment und nahm das Gespräch dann doch an. Es entwickelte sich wie so oft: Ich beharrte auf meiner subjektiven Erzählweise. Er betonte meine Pflicht zur journalistischen Objektivität und Ausgewogenheit. Natürlich kam irgendwann auch wieder der Hinweis, dass ich „nochmal ran“ müsse. Überarbeiten. Versachlichen. Belegen.

Das hatte ich in den vergangenen Monaten schon widerwillig getan und keine Lust auf weitere Korrekturen, die mir wie Verrat erschienen. Ich glaube, ich sagte noch etwas über „Mut zur Haltung“ oder die „Vierte Gewalt“. Dann schwiegen wir einen Moment. Ich fühlte, dass er auf mein Einlenken wartete, stattdessen ließ ich den warmen, würzig duftenden Sand durch die freie Hand rinnen. Schließlich seufzte er „Schade, dann wird das wohl nichts“.

Nach dem Auflegen hockte ich noch einen Moment im Beet und versuchte, das Gespräch zu rekapitulieren. Was hatte ich getan? Es gab für so ein Thema nur wenige Auftraggeber im Öffentlich-Rechtlichen.  Ich hatte Monate mit Recherchen, Interviews und Tonschnitt verbracht. Ich war in der Pflicht gegenüber den Freunden, denen ich Solidarität und Öffentichkeit versprochen hatte… und ich brauchte das Geld.

Warum war ich trotzdem nicht alarmiert, sondern beinahe stolz? Lag es am Garten? An der Wärme des Sandes? Am Duft der Erde? Am Blöken des Lammes? Ich zupfte ein paar junge, saftige Löwenzahnblätter und reichte sie der Kamerun-Mutter durch den Zaun. „Möh“, sagte sie glücklich.

Das Telefonat mit dem Redakteur durchschlug einen Knoten. Hier draußen auf dem einsamen Hof in Mecklenburg wurde mir plötzlich klar, wie groß der Druck in meiner Prenzlberger Blase zuletzt geworden war. Mein früher so schlunziger Kiez war pastellfarben saniert und voll mit Künstlern, Schriftstellern, Regisseuren, Journalisten und Feature-Redakteuren. Leute wie ich, immer unter Strom. Gefühlt wurden meine Nachbarn mit jedem Jahr, das ich alterte, zwei Jahre jünger. Sie kamen aus dem Westen, hatten laute Kinder und reiche Eltern und wussten alles besser.

Ich hatte wunderbare Wochen auf dem Land, arbeitete produktiv wie selten und fing an, mit Herrn S. Maklerangebote zu lesen.


aufs Land