Nachts. 0 Uhr. Die Glocke der Dorfkirche läutet mit ihrem Konservendosenklang das neue Jahr ein. Vom Forsthaus aus sehen wir am Horizont mal hier eine Rakete und mal da einen Widerschein am Himmel. Kein Vergleich mit Berlin, aber auch auf dem Land nimmt die Lautstärke zu. War früher nur mal ein feines Sirren zu hören, trägt der Wind heute Schüsse, Salven und Kanonenschüsse übers Feld.
Nach dem ersten harten Jahreswechsel von 2010 auf 2011 mit Frost und meterhohen Schneewehen über mehrere Wochen folgte kein weiterer dieser Art – ein bedenkliche Entwicklung.
Normalerweise bilden die Bienen bei tiefen Temperaturen eine Art dichter Traube, unterteilt nur durch die Futterwaben. Mit den Flugmuskeln, die sie von ihren Flügel abkuppeln können wie den Benzinmotor eines Fahrzeugs vom Getriebe, erzeugen sie zitternd Wärme und schaffen so im Inneren der Traube eine kosige Temperatur von ca. 25°C. Werden höhere Temperaturen gebraucht, weil beispielsweise Futter verflüssigt oder die Brut gewärmt werden muss wird, können es auch 30°C werden. Die Königin sitzt in der gut geheizten Mitte, während der Rest des Volkes stetig in langsamer Bewegung ist: Die auf der Oberfläche der Kugel frierenden Bienen kriechen nach innen und wärmen sich auf, während ihre warmen Schwestern sich nach außen zittern.
Worauf die Evolution unsere Bienen nicht vorbereitet hat sind die warmen Winter infolge des Klimawandels. Im Februar 2022 konstatierte der Deutsche Wetterdienst den zwölften zu warmen Winter in Folge[2].

Milde Winter sind ein Problem für Bienen und andere Insekten, denn höhere Temperaturen sorgen für intensiveres Brutgeschehen. Das verbraucht Energie und Futtervorräte und bedeutet Hunger, wenn die Vorräte aufgebraucht sind, weil draußen noch nicht genügend Nektar und Pollen zur Verfügung stehen.
Mehrtägige Temperaturen knapp über Null wecken auch Mücken und anderes Stechgetier aus der Winterruhe und locken sie aus ihren schützenden Spalten und Verstecken. 6° Celsius – und schon landen die ersten schmalbrüstigen Mücken auf dem blassen Menschenarm. Weil aber Nektare und Pollen fehlen, verhungern die Insekten bevor sie sich vermehren können. So angenehm das Fehlen der Plagegeister am Lagerfeuer sein mag, so dramatisch sind die Folgen für Vögel, Amphibien und alles, was sich von Insekten ernährt. Schwalben und Fledermäuse, Mäuse und Frösche schaffen es kaum, ihre Brut zu ernähren. Und das ist nur der Anfang der Nahrungskette.
[1] Varroa-Milbe: ein Neozon und Bienen-Parasit aus Südostasien, später dazu mehr
[2] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2023/02/winter-wetter-bilanz-berlin-brandenburg.html
Wenn im Januar die Vögel nicht mehr singen, die Blätter nicht mehr im Wind rauschen und der Schnee alle Geräusche dämmt wird die Stille zur Einsamkeit.
Ende des Winters gibt es eine Phase, in der es schon heller wird, aber noch nicht warm genug fürs Knospen und Keimen. Die Wiesen sind grau, die Pfützen trocken, die Schafe schwer und langsam. Früher hielt ich das für die toteste Zeit des Jahres. Aber man sieht nur, was man weiß, um Goethe etwas verkürzt zu zitieren: In Wirklichkeit atmen Tiere und Pflanzen durch und bereiten sich wie Wettläufer auf den Startschuss vor.
Frühling, Sommer, Herbst und Winter…. und dann ist es vorbei? Gönnen Sie sich noch eine Runde und fangen Sie wieder bei Frühling an.





















