Was mich seit meinem Philosophie-Studium an der Humboldt-Universität beschäftigt ist die Frage nach der Selbstorganisation des Bewusstseins. Alles hat angefangen mit meiner Diplom-Arbeit „die Genese des Selbstbewusstseins in der Ontogenese des Menschen“. Der Titel stammt von KarlFried Wessel, dem charismatischen Inhaber des Lehrstuhls Philosophische Probleme der Naturwissenschaften (oder so ähnlich, ich hab ja als Externer studiert und bin mit den Strukturen der Uni nie so richtig warm geworden). Mit Selbstbewusstsein meinte ich damals nicht nur das Wissen von sich selbst, sondern auch Selbstbestimmtheit und Stolz. Während der Literatursuche entdeckte ich die Arbeiten von Matura und Varela, die das Konzept der Autopoiesis entwickelt hatten. Lebende Systeme erhalten und erzeugen sich selbst durch ihre eigenen Prozesse. Der Mensch ist kein Briefkasten, in den man einfach Botschaften reinsteckt. Im Jahre 1989 kam mir das unheimlich politisch vor. Kurz nachdem ich die Arbeit im Juni verteidigt hatte, fiel die Mauer und ich konnte mir eigentlich mit meinem „Diplom in marxistisch-leninistischer Philosophie“ die Schuhe ausstopfen.
Natürlich haben mich die Nachrichten über erste Schritte der KI sofort elektrisiert. Die Frage war ja: Galten die gleichen Regemäßigkeiten und Zusammenhänge auch bei künstlichen Geistern? Entwickelte sich Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Autonomie? Darüber demnächst mehr.
2011 zog ich auf einen kleinen Hof in der Uckermark. Schafe, Bienen, Schweine, Hühner, der Garten und die Feriengäste beschäftigten mich und zwangen mich zum Bleiben. Nicht im Entferntesten hatte ich eine Revolution im Denken erwartet. Immerhin hatte ich drei mal studiert, zwei akademische Abschlüsse und Bücher geschrieben… Wie konnte es so vieles geben, von dem ich keine Ahnung hatte? Und nun lernte ich ein völlig anderes Leben kennen, nicht nur mit Garten, Tieren und dörflichem Klatsch, sondern eine grundsätzlich andere Sicht auf die Rolle des Menschen in seiner natürlichen Umwelt. Statt weiter wie angesengt in der Welt herumzureisen, blieb ich die nächsten 15 Jahre an einem Ort: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und wieder Frühling, und wieder Sommer, und Herbst und Winter. Und Frühling, Sommer, Herbst und Winter…. Und so weiter. Ich sah Pflanzen und Tiere wachsen und sterben, ich baute und reparierte und wehrte mich gegen den Verfall. Ich war eingebunden in ein hochkomplexes Abenteuer. Das Bleiben fügte meinem Sein eine neue Dimension hinzu: Die Zeit. Mehr über das Bleiben demnächst hier.
Auch das Alter ist ein zeitliches Phänomen. Das klingt wie eine Binsenweisheit, aber wenn wir den Common Sense befragen, scheint das Alter eher als Zustand wahrgenommen zu werden, als Zustand, den man erleidet, den man aber auch mit Willenskraft und Hormocenta unterdrücken und leugnen kann, zumindest im Nachmittagsprogramm des Öffentlich-Rechtlichen. Unsere Generation, die Boomer der Jahrgänge 1955-1969 (im Osten müsste die Abrenzung eigentlich anders verlaufen, etwa 1961 bis 1973) ist die Generation, die der ersten Rentnergeneration, unseren Eltern nämlich, bei einem langen, langen Altern zusieht. Nie zuvor hat eine ganze Kohorte nach dem Ende des Berufslebens so lange noch bei guter Gesundheit gelebt. Man kann beinahe sagen, dass unsere Eltern eine ganze Lebensphase neu erfinden und gestalten mussten ((im Osten zusätzlich vorverlegt und verlängert durch Arbeitslosigkeit oder Frühpensionierung nach der Wende). Das war oder ist oft experimentell, manchmal unbeholfen – und wir sehen zu. Darüber demnächst hier mehr.
die bitterste Wahrheit:
In der 11. Klasse fragte mich unser Staatsbürgerkundelehrer Herr Berkes (oder hieß das Fach in der Abiturstufe anders?), was Engels über die Freiheit gesagt habe. Ich antwortete: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“. Meine MitschülerInnen sahen mich an als hätte ich: „Man muss sich nach der Decke strecken“ gesagt.
In Wirklichkeit stammt das Original von Hegel, wenn auch nicht so verkürzt. Im § 482 der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ schrieb er „Die Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit, und sie besteht darin, daß ich mich mit dem Notwendigen identifiziere.“
Bis heute ist die sachlich völlig richtige und vernünftige Erkenntnis eine moralische Herausforderung für mich. Was sie ja eigentlich meint ist: Spring nicht vom Ulmer Kirchturm wenn Du nicht fliegen kannst.
Aber wenn es doch vielleicht mit künstlichen Flügeln klappt? Ist es zuletzt doch eher eine Charakterfrage?
Könnten wir – theoretisch, mit viel Zeit und Klugheit – gesichert erkennen, was geht und was nicht? Da trapst sie wieder heran, die Zeit, und sagt uns: Was heute nicht geht, geht vielleicht morgen. Oder was heute noch gehen kann, sitzt morgen im Rollstuhl. Oder geht demnächst hier weiter.
