Ich habe an der Humboldt-Uni zu Berlin ab 1988 als Externer Philosophie studiert. Gorbatschow interpretierte in der Sowjetunion gerade den Kommunismus neu, ich wollte dabei sein und war echt fix: Bei KarlFried Wessel verteidigte ich im August 1989 meine Diplom-Arbeit „die Genese des Selbstbewusstseins in der Ontogenese des Menschen“. Meine These, dass das Ziel der Selbstorganisation des Bewusstseins Autonomie sei, hielt ich für explosiv politisch, aber kaum hatte ich das scharfe Schwert „marxistisch-leninistischer Diplom-Philosoph“ in Form einer papiernen Urkunde in der Hand, ging die DDR unter.

Ich hätte gern die Welt verändert, aber die Bedingungen änderten sich rasant und mein Glaube an die Möglichkeiten erlitt mit den Jahren erheblichen Schaden. Welche Alternativen es möglicherweise gab, spielte ich später in dem Roman „Karlas Versuch, die Welt zu verbessern“ durch.
Das Thema „Selbstorganisation des Bewussteins“ beschäftigt mich bis heute und gewann durch die exponentielle Entwicklung der Künstlichen Intelligenz eine neue Bedeutung.
2011 zog ich auf einen kleinen Hof in der Uckermark und lernte eine neue Welt kennen. Rund um die Uhr und das ganze Jahr durch war ich verantwortlich. Schafe, Bienen, Schweine, Hühner, der Garten, Dorf, die Besucher und die Feriengäste zwangen mich zum Bleiben. Alles wiederholte sich. Die Zeit gewann eine neue Dimension. Nicht im Traum hätte ich für möglich gehalten, wie sehr das meine Weltsicht und mein Denken verändern würde.
Auch das Alter ist ein zeitliches Phänomen. Das klingt wie eine Binsenweisheit, aber wenn wir den Common Sense befragen, scheint das Alter eher als Zustand wahrgenommen zu werden, als Zustand, den man erleidet, den man aber auch mit Willenskraft und Hormocenta unterdrücken und leugnen kann, zumindest im Nachmittagsprogramm des Öffentlich-Rechtlichen. Unsere Generation, die Boomer der Jahrgänge 1955-1969 (im Osten müsste die Abrenzung eigentlich anders verlaufen, etwa 1961 bis 1973) ist die Generation, die der ersten Rentnergeneration, unseren Eltern nämlich, bei einem langen, langen Altern zusieht. Nie zuvor hat eine ganze Kohorte nach dem Ende des Berufslebens so lange noch bei guter Gesundheit gelebt. Man kann beinahe sagen, dass unsere Eltern eine ganze Lebensphase neu erfinden und gestalten mussten ((im Osten zusätzlich vorverlegt und verlängert durch Arbeitslosigkeit oder Frühpensionierung nach der Wende). Das war oder ist oft experimentell, manchmal unbeholfen – und wir sehen zu. Darüber demnächst hier mehr.
In der 11. Klasse fragte mich unser Staatsbürgerkundelehrer Herr Berkes (oder hieß das Fach in der Abiturstufe anders?), was Engels über die Freiheit gesagt habe. Ich antwortete: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“. Meine MitschülerInnen sahen mich an als hätte ich: „Man muss sich nach der Decke strecken“ gesagt.
In Wirklichkeit stammt das Original von Hegel, wenn auch nicht so verkürzt. Im § 482 der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ schrieb er „Die Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit, und sie besteht darin, daß ich mich mit dem Notwendigen identifiziere.“
Bis heute ist die sachlich völlig richtige und vernünftige Erkenntnis eine moralische Herausforderung für mich. Was sie ja eigentlich meint ist: Spring nicht vom Ulmer Kirchturm wenn Du nicht fliegen kannst.
Aber wenn es doch vielleicht mit künstlichen Flügeln klappt? Bisschen Risiko bleibt immer. Ist es zuletzt doch eher eine Charakterfrage? Da trapst sie wieder heran, die Zeit, und sagt uns: Was heute nicht geht, geht vielleicht morgen. Oder was heute noch gehen kann, sitzt morgen im Rollstuhl. Oder geht demnächst hier weiter.
